Predigt in der Salvatorkirche zum Briefmarathon von Pastor Winterberg

Predigt am 8.Dezember 2019 in der Salvatorkirche
in Zusammenarbeit mit Amnesty-International – Ortsgruppe Duisburg Predigttext: Sprüche 31,8-9
Lesung: Matthäus 14,1-12

Was habe ich es bequem, liebe Gemeinde,
hier oben stehe ich – ich könnte auch anders, aber ich muss nicht – und kann sagen, was ich will. Kein Maulkorb, keine Einschränkungen, keine Vorgaben, keine Angst vor Repressionen aufgrund gesagten Wortes, schlichtweg: Das Evangelium verkün- den allen Volkes nach der Schrift, denn Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk (BTE, 6) und so gilt eben: Wir verwerfen die fal- sche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politi- schen Überzeugungen überlassen (BTE, 3).
Hohe Worte, wahrlich! Und es sind gesetzte Worte mit Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft bedeuten. Es sind Worte aus der Barmer Theologischen Erklärung von 1934. Der Kirche wird hier klar ihr Auftrag benannt in sich braun-verdunkelnder Zeit. Und aufgrund ihrer Bedeutung im Vergangenen, die die Kirche frei davon sprach, im Auftrag der Machthaber damaliger Zeit reden zu müssen, sondern sie alleine an das Evangelium verwies, so hat diese Barmer Theologische Erklärung heute ihren Ort in den „Verfassungen“ unserer evangelischen Kirche und ist somit grundlegend für heu- te und auf die Zukunft hin. Welch’ hohes Gut!

So gesehen: Was habe ich es bequem! Ich stehe hier auf der Kanzel der Salvatorkir- che und kann frei das Evangelium urbi et orbi, also der Stadt und dem Erdkreis ver- künden und muss keine Repressionen befürchten.

Das wertzuschätzen, das wird dann zur Leichtigkeit, wenn man seinen Wert gar nicht erkennt, sondern es zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Wobei nichts und niemanden zu wünschen ist, dass dieses jemals wieder anders werden möge. Das Wort Gottes zu verkündigen – und es frei verkündigen zu können, das ist nicht nur aus der Nazi-Vergangenheit heraus erkämpft und auch erlitten worden, sondern das verbot sich auch denen, die repressionsfrei leben und reden wollten bis vor 30 Jahren im Osten unseres Landes. Denn auch der DDR-Staat hörte sehr genau hin, was von Kanzeln öffentlich und in den Gruppen in Gemeindehäusern halb-öffentlich und in den Familien nicht-öffentlich geredet wurde. Die IMs waren allüberall lauschend dabei…und die geführte Stasi-Akte verschloss so manche Türe zur freien Entfaltung der Persönlichkeit.

Und der Blick in unsere Welt hinein, in die derzeitige, in die gegenwärtige vor unsere Türe, der macht deutlich, dass unsere Bequemlichkeit alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Und so manchmal ducken wir uns auch davor hinweg.

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Denn natürlich fliegen wir nach-wie-vor für unter 316 € für eine Woche all-inclusive in ein 5-Sterne-Hotel nach Antalya direkt am Strand ( so gefunden auf www.alltours.de am 7.12.2019), ver- schließen die Augen davor, was momentan politisch in dem Land passiert, halten geflissentlich lieber die Klappe, denn wer will schon in eines der erdoganschen Gefängnisse. Und prahlen mit einem unvergesslich preiswerten Urlaub, wenn wir wieder wohlbehalten und sonnengebräunt und vollgefressen zurückgekehrt sind. Gefängnis- se? Politische Verfolgung? Kriegsgeschehen in der syrischen Grenzregion? Haben wir nichts von gesehen. Und die Türken waren so freundlich! Viel freundlicher als hier!

One road – one belt, die 35 Züge, die allwöchentlich aus Chongqing im Duisburger Hafengebiet ankommen, die bedeuten auch Arbeitsplätze hier vor Ort. Von vielen tausend redet man. Und für Volkswagen ist China der weltweit größte Absatzmarkt. Blöd nur, dass eines der Werke dort vor Ort im Nordosten, in der autonomen Region Xinjiang, im sogenannten „Uiguren-Gebiet“ liegt. Und mit der Autonomie von ihren Landesteilen hält die staatslenkende-autoritäre Regierung in Peking ja nicht so viel. Also werden die Uiguren dort massiv unterdrückt und in Umerziehungslager interniert. Die Inhaftierten sollen ihrer Religion abschwören und sich der Ideologie der Kommunistischen Partei unterwerfen. Nach Schätzungen von Experten sind es der- zeit mehr als eine Million Uiguren die dort interniert. Unangenehm, dass schon ehe das Werk eröffnet wurde, dass da Menschenrechtler dem Volkswagen-Konzern vor- warfen, sich von Chinas Regierung instrumentalisieren zu lassen ( www.sueddeutsche.de/politik/ china-cables-faq-1.4694488 ). Unangenehm! Das geben sie auch verkniffenen Gesichts zu. Aber dennoch, lieber nichts laut sagen. Die Chinesen sind ja so empfindlich! Und es geht schließlich um unsere Wirtschaft! Es geht um Arbeitsplätze!

Hier sind die Mitglieder der Amnesty-Gruppe Duisburg dabei Unterschriften für den Briefmarathon zu sammeln.

Zugleich verführt, da wir hier ja sagen können, was wir wollen, da verführt uns die Schwerelosigkeit unserer freien Meinungsäußerung, noch schön weiter geöffnet durch die Anonymität des Internets, da verführt dieses zur Hetze bis hin zur Mord- drohung. Und das zeigte die facebook-Gruppe unter dem Namen „Duisburg-Walsum“ sehr deutlich. Sie haben es vielleicht in der vergangenen Woche in der WAZ gelesen, wie da gehetzt wird: „Einheimische verenden auf der Straße, während man illegalen kostenlos Häuser baut“ oder „Gerade ist in viersen wieder ein Mensch getötet worden von einem schwarzen…Das wird nicht aufhören…“ und sich das beantwortet mit: „Manche merken es erst, wenn sie einen frauenfeindlichen, maximalpigmentierten Analphabeten als Nachbarn haben“ und wenn dann denen, die sich gegen diese Art der Hetze aussprechen, wenn ihnen dann gewünscht wird, dass sie „wie die im Früh- jahr getötete Frau vor einem Zug gestoßen oder wie in Mülheim Opfer einer Grup- penvergewaltigung zu werden, „besser noch beides““ (nach: WAZ-Duisburg vom 5.12.2019).

„Mit der verbalen Entwertung einzelner Gesellschaftsmitglieder fängt es an, und dann dauert es nicht mehr lange, da geht einer quer über die Straße und haut dem anderen vor den Kopf, weil es ja eh nur Ungeziefer ist“ – so hat es der deutsche Dichter Durs Grünbein vor gut einem Jahr formuliert und vor der „sprachlichen Aufrüstung“ ge- warnt, und das war schon bevor die Rede von „Kopftuchmädchen, Messermännern und sonstigen Taugenichtsen“, es bis in Parlamente geschafft hat (Zitat: https://www.zeit.de/

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2019/48/sprachverrohung-sprache-debattenkultur-oeffentlichkeit). Da wird hate speech zum zeitgenössi- schen Soundtrack und der trennende Firniss zur vollzogenen Tat hauchdünn.

Was habe ich es bequem?
Ja, ich habe es hier oben bequem. Und Sie können es auch unten bequem haben. Wenn dieses allerdings zu Bequemlichkeit führt, dann wird es doch wieder gefähr- lich! Denn unsere Bequemlichkeit steht in der Gefahr das auszublenden, was andern- orts schon weitaus mehr als Unbequemlichkeit ist. Es ist Lebensgefährlichkeit. Übermorgen ist der Internationale Tag der Menschenrechte und es ist, so glaube ich, es ist in Anbetracht der wahrzunehmenden Wirklichkeiten in unserer Welt, da ist es hochnotwendig, dass wir diese Wirklichkeiten nicht ausblenden und uns einer fal- schen Weihnachtsseligkeit mit Glühwein und duftenden Räuchermännchen hingeben.

Die Augen gilt es offen zu halten. Und ich glaube, es ist auch notwendig, es ist mehr als das. Und das aus einem doppelten Punkt. Zum einen, weil wir uns des Luxus’ ge- wärtigen müssen, in dem wir leben und uns frei und offen äußern und auch so leben können. Zum anderen, weil es uns die Augen dafür öffnet, wie schnell so etwas auch umkippen kann und welche Verantwortung wir dafür tragen, dass wir uns einzusetzen haben für diejenigen, denen genau diese Freiheit genommen wurde. Und zu sagen, dass wir da ja doch nicht machen können, das täuscht. Es geht zum einen um das Wahrnehmen und dann das Ausnutzen unserer Möglichkeiten. Ich möchte Sie nun- mehr vorerst einladen, dass wir wahrnehmen. Und zwar, anders geht es heute nicht, und zwar beispielhaft. Beispielhaft bei fünf jungen Menschen, heute aus China, aus Ägypten, aus dem Iran, aus Mexiko und aus dem Südsudan.

Voten von Amnesty International:

China

Wir haben bereits in der Predigt gehört, dass China Angehörige der uigurischen Minderheit un- terdrückt und sie massenhaft in Lager sperrt. China verfolgt die Uiguren sogar im Ausland. Yiliyasijiang Reheman und seine Frau studierten in Ägypten. Sie erwarteten ihr zweites Kind, als der Student im Juli 2017 plötzlich „verschwand“. Seine 19-Jährige Frau brachte ihr Kind allein zur Welt und zog in die Türkei. Sie hat seitdem nichts mehr von ihrem Mann gehört und geht da- von aus, dass er sich in einem der geheimen Lager befindet.

Ägypten

Der 26-jährige Ibrahim Ezz El-Din arbeitete für die Nichtregierungsorganisation „Ägyptische Kommission für Rechte und Freiheiten“. Er setzte sich für das Recht auf Wohnen ein – vor allem für den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum und gegen rechtswidrige Zwangsräumungen. Am 11. Juni nahmen ihn Sicherheitskräfte in Zivil auf offener Straße fest. Seitdem ist er verschwunden. Die Behörden verweigern jegliche Auskunft. Seitdem versucht seine Familie, herauszufinden, wo er festgehalten wird.

Iran

Am 8. März 2019, dem Internationalen Frauentag, nahm die 24-jährige Iranerin Yasaman Aryani ihr Kopftuch ab und verteilte zusammen mit ihrer Mutter Blumen an die weiblichen Fahrgäste einer Teheraner U-Bahn. Ein Video dieser Aktion verbreitete sich schnell in den sozialen Medien.

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Im Iran zwingt ein Gesetz Frauen dazu, ein Kopftuch zu tragen. Und so wurde Yasaman Aryani verhaftet. Am 31. Juli 2019 wurden sie und ihre Mutter zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.

Mexiko

Der 14-jährige José Adrián wurde 2016 auf dem Heimweg von der Schule verhaftet. An diesem Tag wurden während eines Straßenkampfes zwischen Jugendlichen Steine auf einen Streifenwa- gen der Polizei geworfen. Der unbeteiligte José wurde als einziger verhaftet. Wahrscheinlich nur deshalb, weil er zur indigenen Gemeinschaft der Maya gehört. Auf der Polizeistation wurde er an Handschellen aufgehängt und geschlagen. Um ihn aus der Haft zu befreien, mussten seine Eltern eine Geldstrafe und sogar den Schaden am Streifenwagen bezahlen. Eine Beschwerde bei der Menschenrechtskommission des Bundesstaates Yucatán blieb ohne Erfolg.

Südsudan

Der Schüler Magai Matiopiop Ngong geriet in eine Auseinandersetzung unter Jugendlichen. Da- bei löste sich ein Schuss aus Magais Gewehr und traf seinen Cousin tödlich. Vor Gericht hatte Magai keinen Rechtsbeistand. Er beteuerte, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe. Doch das Gericht befand ihn für schuldig und verhängte die Todesstrafe, obwohl er damals erst 15 Jah- re alt war. Der Jugendliche hat inzwischen einen Rechtsbeistand, der Berufung gegen das Urteil eingelegt hat. Magai hofft, dass er freikommt und wieder zur Schule gehen kann.

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen. – aus dem alttestamentlichen Buch der Sprüche, hier dem 31.Kapitel. Sprüche, aber nicht irgendwelche Allerwelts- und Kalendersprüche. Nein, Sprüche von der Weisheit Salomons. Dem von Gottesfurcht durchdrungenen König Israels. Es kann und darf ihm nicht königlich egal sein, wer oder was unter ihm kreucht und fleucht, und wie unter seiner Herrschaft gelebt wird.

Der König hat Verantwortung. Und zwar nicht Verantwortung für seinen eigenen Wanst, sondern für die ihm Anvertrauten. Und zu seinem Aufgabenkatalog gehören insbesondere diejenigen, die zu den Stummen und zu den Elenden und zu den Ver- lassenen und zu den Armen gehören. Für sie hat er seinen Mund auszumachen und für sie hat er sich einzusetzen und ihnen hat er Recht zu verschaffen.

Und welche Wichtigkeit das hat, das verdeutlicht sich in der doppelten Aufforde- rung: Tu deinen Mund auf. Erkenne, dass sie stumm und rechtlos sind und werde ihr Stellvertreter, werde ihr Statthalter, werde ihr Fürsprecher. Denn sie haben nur dich! Und gerade der Du ganz oben bist, beuge Dich ganz nach unten und nehme sie nicht nur wahr, sondern werde sie selber. Werde ihrer, dass du dich ihrer Sache annimmst, als gehe es um dich. Tu deinen Mund auf.

Das wird ganz deutlich in dem dreifachen Imperativ, der sich im zweiten Vers fin- det:

Öffne deinen Mund!
Wirke Gerechtigkeit!
Verschaffe den Elenden und Geringen ihr Recht!

Anwaltliches Auftreten der Starken für die Schwachen tut Not.
Und wer sich zu schnell zurückzieht auf seine Scheinar bequemliche Position, der läuft nicht nur Gefahr, dass er den Blick über sich hinaus verliebt, sondern der muss

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ich auch vor Augen halten, dass der Rückzug bedeuten kann, dass bei fehlender Sensibilität auch hier und bald es mit unserer Frei- und Offenheit wieder ist.
Wie eben gesagt: Der Firniss ist dünn. Viel dünner als wir meinen. Und er darf nicht reißen.

Die Bundeskanzlerin war in der vergangenen Woche in Auschwitz und hatte vor Augen, was überhaupt nicht vorstellbar war und doch geschah. Ein Bruch aller Menschlichkeit, eine Nichtdenkbar- , aber doch erlebte Wirklichkeit.

Tu deinen Mund auf, anders geht es nicht. Wir müssen es tun. Dem König ist es aufgegeben worden in den Sprüchen des Salomo. Und uns ist es Verpflichtung bis in unsere Tage hinein. Und das ist es nicht nur denkerisch, nein, das ist es auch ge- gen alle Bequemlichkeit ganz praktisch.

Nachher, nach dem Gottesdienst liegen hinten neben dem Ausgang auf den Tischen, da liegen Briefe gegen das Vergessen für die eben fünf benannten inhaftierten Men- schen aus. Für Menschen in Not und Gefahr – adressiert an Regierungen, um Un- recht zu beenden, und an bedrohte Menschen, um ihnen Solidarität zu zeigen. Klei- ne Zeichen, hundert- und tausendfach geschrieben, so verfehlen sie in vielen Fällen ihre Wirkung nicht. Nur ein ganz kleiner Schritt aus unserer Bequemlichkeit her- aus. Ein Trippelschritt – aber zumindest einer, der das Gewissen offen hält für ge- schehenes Unrecht.

Werden wir nicht zu bequem, nehmen wir als selbstverständlich, was uns selbstver- ständlich scheint, aber uns alltäglich vor Augen geführt wird, dass das keineswegs so ist. Dass der Firniss der Kultur nämlich schnell reißen kann.

Robert Scholl, der Vater Sophie Scholls, er wurde Anfang August 1942 von den Nazis inhaftiert. Er hatte Hitler als eine „Gottesgeißel“ bezeichnet. Ins Gefängnis von Ulm wurde er gesteckt. Sophie Scholl stellte sich abends an die Gefängnis- mauer und spielte ihrem dort einsitzenden Vater auf der Blockflöte eine Melodie vor.

(Die Gedanken sind frei spielen)

Sie sind es, sie sind es auch hinter Gefängnismauer, sie sind es in China, in Ägyp- ten, im Iran, in Mexiko, im Südsudan, in facebook-Gruppen, in totalitären Staaten und allüberall – aber es geht um mehr. Es geht darum, dass die Gedanken sich auch frei äußern dürfen. Dass sie es dürfen, um der Menschen und nicht um des Hasses Willen. Tu deinen Mund auf, damit alle Menschen frei und offen und ehrlich und liebevoll und zugewandt miteinander reden können. Damit dieses hohe Gut des Miteinanders allüberall wo Menschen sind, sich Raum verschaffen kann.

Amen.

Pfarrer Martin Winterberg

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